Mehr Toleranz wagen

“Toleranz ist die Bereitschaft, auch andere Auffassungen und Verhaltensweisen zu dulden, als sie für den Durchschnitt oder für die eigene Lebensform gelten…. Ein Mangel an Toleranz gehört zu den Eigenschaften der autoritären Persönlichkeit”[1]. Dies möchte ich noch ergänzen um „Aussehen, Figur und Eigenschaften“.

Immer wieder muss ich in erschreckendem Umfang fehlende Toleranz beobachten. Und dieses autoritäre Verhalten ist so erschreckend, weil es die Menschen davon abhält, ein glückliches und selbstbewusstes Leben zu führen. 

Ich spreche von der fehlenden Toleranz sich selbst gegenüber, besonders weit verbreitet bei Frauen. Gerne sind wir immer wieder bereit, anderen gegenüber Nachsicht zu üben: sei es, dass die Kinder keine Ordnung halten, die Mitarbeiter wieder mal eine wichtige Unterlage nicht rechtzeitig fertig haben, die Freundin ständig zu spät zu Verabredungen kommt, oder……(bitte selbst ergänzen).

Wenn es um uns selbst geht, dann allerdings scheinen die Wörter Nachsicht oder Toleranz ganz plötzlich aus dem Wortschatz zu verschwinden. Jeder noch so winzige „Makel“ wird schonungslos kritisiert. Da ist man zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, wahlweise bezogen auf die ganze Figur oder nur einzelne Partien derselben. Und woran messen wir uns? An den Fotomodellen, die in den Hochglanzmagazinen abgebildet werden. Wohlgemerkt, nachdem sie ein professionelles Make-up bekommen haben, perfekt ausgeleuchtet wurden und hunderte von Aufnahmen gemacht wurden, von denen die beste dann ausgesucht und mit Bildbearbeitungsprogrammen perfektioniert wurde ehe sie gedruckt wurde.

Wie wäre es einfach mit ein bisschen mehr Toleranz gegenüber der individuellen Schönheit, die in weiblichen Rundungen, Lachfalten und Östrogenringen[2] liegt? Toleranz dafür, dass der Körper sich verändert? Mehr Toleranz für die Schwerkraft und ihre Auswirkungen? „Es ist so wie es ist“ heißt es so schön.

Wenn ich Coaching Klientinnen darum bitte, jeweils ihre beiden wichtigsten Stärken und Schwächen zu benennen haben sie häufig Schwierigkeiten, überhaupt 2 Stärken zu finden während sie ebenso häufig spielend eine Handvoll oder mehr ihrer Schwächen benennen können.

Nachdem sie dann mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein entwickelt haben sind sie meist sehr viel toleranter im Umgang mit sich selbst. Sie erkennen, dass sie vermeintliche Fehler, Schwächen und Makel stark überbewertet und ihre Stärken und Fähigkeiten oft noch stärker unterbewertet haben.

Trau Dich einfach mal, mehr Toleranz Dir selbst gegenüber zu wagen.  Liste alles auf, was Dich an Dir selbst stört. Anschließend weise  jedem Punkt eine Wertung zwischen 0 und 10 zu wobei 0 = „stört gar nicht“ und 10 = „unerträglich“ bedeutet.

Danach stelle Dir vor, Du verdoppelst Deine Toleranz. Und weist erneut jedem Punkt eine Wertung zu. Wenn sich danach immer noch nichts getan hat, dann stelle Dir vor, dies sei eine Liste, die Deine beste Freundin geschrieben hat oder Dein Mann und Du solltest bewerten, wie sehr diese „Fehler“ Dich an Deiner Freundin bzw. Deinem Mann stören. Oder Du bittest Deine Freundin/Deinen Mann, die Bewertung für Dich vorzunehmen.  Was fällt Dir auf?

Das nächste Mal, wenn Du Dich dabei ertappst zu denken oder zu sagen „ich müsste mehr/weniger…“, „ich sollte endlich mal…“ oder „wenn ich doch nur…“ dann halte einfach kurz inne und sage zu Dir selbst: „ich wage jetzt mehr Toleranz mir selbst gegenüber“ oder „ich übe jetzt mehr Nachsicht mit mir selbst“. Dann beobachte, wie Du Dich dabei fühlst. Welche Widerstände gibt es? Übe Toleranz den Widerständen gegenüber, akzeptieren diese zunächst. Und übe weiter. Du wirst sehen: Du wirst toleranter Dir gegenüber und Du wirst glücklicher, ausgeglichener und selbstbewusster!

Wie viel mehr Toleranz Dir selbst gegenüber bist Du bereit zu wagen?

In welchen Bereich fällt Dir Toleranz Dir selbst gegenüber besonders schwer, wo besonders leicht?

 

 

 

[1] http://www.psychology48.com/deu/d/toleranz/toleranz.htm

[2] Nur verständlich für Frauen in den Wechseljahren und danach, ich bitte um Nachsicht 😉