Was ich beim Joggen entdeckt habe

Neuerdings laufe ich wieder regelmäßig. Im Sommer geht es leichter, besonders wenn morgens schon die Sonne scheint. Am Anfang war es frustrierend, da ich ständig Gehpausen einlegen musste, ich war so aus der Übung, dass ich eher am Schnaufen als am Laufen war. Trotzdem habe ich weiter gemacht. Kleine Schritte, kleine Distanzen. Nach ein paar Tagen konnte ich schon einen Kilometer am Stück durchhalten.

Gestern Morgen habe ich eine neue Strecke ausprobiert – und eine erstaunliche Entdeckung gemacht: es kommt auf die Perspektive an. Genau wie im Leben. Wenn ich auf die elendig lange Strecke schaue, die vor mir liegt, dann komme ich schneller außer Atem. Wenn ich mich auf den Boden direkt vor meinen Füßen konzentriere, dann geht es leichter. Die lange Strecke entmutigt mich, sie scheint kein Ende zu nehmen. Die nächsten 2, 3 Meter scheinen nur so unter meinen Füßen dahin zu fliegen. Das beflügelt mich.

Das ist nichts Neues, zum ersten Mal ist es mir aufgefallen, als ich vor vielen, vielen Jahren die Weinlese in der Provence mitgemacht habe. Mein Französisch-Lehrer hatte es mir empfohlen, ich fand die Idee großartig, da ich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen konnte, eigentlich drei: mein Französisch verbessern, gleichzeitig Geld verdienen und meiner Abenteuerlust frönen.

Leider war die Arbeit sehr hart, nichts mit Abenteuer, die Reihen der Weinreben waren endlos, ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich am Abend auch nur eine Reihe abgeerntet haben würde. Also habe ich mich darauf konzentriert, meinen Eimer voll zu bekommen. Ich konzentrierte mich nur auf die nächste Rebe und meinen Eimer. Und ich sagte mir: morgen fährst Du nach Hause.

Am Abend war ich sehr stolz auf die beiden Reihen, die ich geschafft hatte. Also beschloss ich, noch einen Tag zu bleiben. Am nächsten Tag schaffte ich fast drei Reihen, der Rücken tat immer noch weh, und ich beschloss, noch einen Tag dran zu hängen. Mit jedem Tag ging es besser. Es war eine schöne Erfahrung, ich hatte viel Spaß, und mein Französisch wurde wirklich besser. „Videz vos seaux“ (Leert Eure Eimer) ist ein Satz, den ich nie vergessen werde, obwohl mein Französisch sonst eher verschüttet ist.

Es kommt auf die Perspektive an. Auch im Coaching ist der Perspektivwechsel ein bewährtes Instrument. Eine Sache aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten kann helfen, eine Lösung zu finden, die vorher unmöglich schien. „So habe ich das noch gar nicht gesehen“ höre ich dann oft, und häufig fragt sich meine Klientin dann, wieso sie nicht schon früher darauf gekommen ist.

Ganz einfach: weil sie sich auf die lange Strecke vor sich konzentriert hat. Die hat ihr die Motivation genommen und Energie geraubt. Wenn sie sich dann einfach nur auf die nächsten Schritte konzentriert, dann sieht sie schnelle Erfolgserlebnisse, und die beflügeln sie. So wie mich gestern Morgen beim Laufen.

Welche große Aufgabe, welches schier unüberwindliche Projekt raubt Dir gerade deine Energie? Was ist Deine gerade Strecke, die Du vor Dir hast? Was ist Dein Eimer, was sind die nächsten 2, 3 Schritte, auf die Du Dich konzentrieren kannst? Schreib sie unten in den Kommentar und lass Dich davon beflügeln.