Was ist deine größte Niederlage?

Scham

Was ist deine größte erlebte Niederlage? War sie wirklich so schlimm – oder konntest du etwas daraus lernen? Siehst du sie heute vielleicht gar mit anderen Augen? 

So ist es mir ergangen, vor mehr als 10 Jahren in Shanghai. Die erste Toastmasters Convention in China sollte stattfinden, in der die besten Redner Chinas gegeneinander antreten sollten, um den China Champion zu küren.

Um auf der großen Konferenz am Redewettbewerb teilnehmen zu können müssen die Teilnehmerinnen zunächst auf Clubebene, dann auf Gebietsebene gewinnen. Aus dem Clubs kommen die ersten beiden weiter, aus dem Gebiet nur die Beste.

Mein Mann  und ich mussten auf Gebietsebene gegeneinander antreten, wir gehörten unterschiedlichen Clubs an. Ich wollte unbedingt die beste Rednerin Chinas werden. Dafür musste ich auf Gebietsebene gewinnen. Gegen meinen Mann.

Ein schönes Beispiel dafür, dass man Bestellungen beim Universum präzise aufgeben muss. Ich habe bestellt: ich bin 1, Friedhelm ist 2. Genauso ist es gekommen, nur anders. Die Redner müssen immer ziehen, in welcher Reihenfolge sie antreten. Ich  war erste Rednerin, mein Mann der zweite Redner. Je weiter hinten man ist, umso grösser sind die Chancen, zu gewinnen. Das ist einfach so. Gut sind sie alle, die es soweit geschafft haben. Gemeint hatte ich: Ich gewinne den Redewettbewerb, Friedhelm wird zweiter. Also: aufpassen, wie man seine Bestellung aufgibt.

Das war die größte Niederlage meines Lebens

Ich verlor gegen eine junge, extrem ehrgeizige und zickige Chinesin und war wie am Boden zerstört. Mein kleines Ego wäre so gerne die erste China Champion Public Speaking geworden. Ich hatte geübt, hatte schon über 5 Jahre Erfahrung bei Toastmasters, hatte mehr Lebenserfahrung, wusste, wie Visualisieren geht – und dann verliere ich gegen eine junge, zickige Frau, die meine Tochter hätte sein können???

In meinem Club wurde ich hochgelobt, überall wurde mir gratuliert, immerhin hatte ich auf Gebietsebene den zweiten Platz belegt.  Mein Mann meinte, ich hätte die Urkunde nicht mit Würde entgegengenommen. Kann schon sein  –  wo ich doch so gern gewinnen wollte. Da hat alles Visualisieren nichts geholfen.

Es dauerte sehr lange bis ich akzeptieren konnte dass der zweite Platz vielleicht doch nicht ganz so schlecht ist. Immerhin war ich die zweitbeste Rednerin in unserem Gebiet. Und immerhin hatte ich gegen die beste Rednerin Chinas verloren.

Auf der großen nationalen China-Konferenz hat sie dann tatsächlich gewonnen, aber nur, weil der eigentliche Sieger, der um Längen besser war als sie, wegen Überschreitung der Redezeit disqualifiziert wurde.

Heute lache ich darüber

Vor allem auch darüber, wie ich mich hinterher verhalten habe. Ich konnte diese Frau einfach nicht ausstehen. Besonders, da alle sie auch noch anhimmelten und sie sich so richtig in ihrem Ruhm sonnte. Es spielte keine Rolle, dass sie eigentlich nur Zweite war und nur wegen Disqualifizierung des eigentlichen Champions gewonnen hatte.

Ich war verletzt und hatte wieder mal einen Beweis, dass ich einfach nicht gut genug war. Und damals besaß ich noch nicht genügend Größe, das auch zu erkennen. Irgendwann kam ich zu der Einsicht, dass ihr kleines Ego es wohl dringender brauchte, zu gewinnen. Sie stand am Anfang ihres Berufslebens und wollte sich noch eine Karriere aufbauen, als Trainerin und Rednerin. Das hat sie auch sehr erfolgreich geschafft.

Ich war in der Lebensmitte und hatte gerade die Chance, mich neu zu erfinden. Mein Leben war aufregend und spannend und in ihren Augen exotisch. Später, als ich wieder normal mit ihr reden konnte, erfuhr ich, dass ich ihr großes Vorbild war. Sie hatte mich auf ein Podest gestellt und wollte so werden wie ich. Wie? So zickig und engherzig? Nein, so eine gute Rednerin, so selbstsicher, so welterfahren, so elegant.

Später war ich imstande, ihr positives, aufbauendes Feedback zu geben, urteilsfrei, so wie wir es als Toastmasters machen. Es waren manchmal nur kleine Hinweise, wie sie ihre Haltung verbessern sollte oder nicht immer die Haare aus dem Gesicht streichen sollte, die sie jedes Mal dankbar angenommen hat.

Heute kann ich herzlich darüber lachen

Und offen darüber sprechen. Mit dem Gefühl nicht gut genug zu sein,  glaubte ich diesen Sieg zu brauchen. Als ich „versagte“ fühlte ich mich noch kleiner.

„Mittelmaß greift Exzellenz immer an“ sagte Reverend Michael Bernard Beckwith – bekannt aus dem Film The Secret  – in einer Oprah Winfrey Show. Stimmt genau. Ich habe mich damals durch mein Verhalten selbst enttarnt als Mittelmaß, vielleicht auch als verletzte Eitelkeit. Hätte ich Größe besessen, wäre ich bereits so urteilsfrei gewesen wie ich es heute (meist) bin, dann hätte ich nicht so gelitten.

War es damals wirklich meine größte Niederlage? Sicher nicht, denn „eigentlich“ ging es um nichts. Nur um einen Titel. Habe ich wirklich etwas verloren? Nein, nicht wirklich. Es hat mich kein Geld gekostet, und die investierte Zeit war gut investiert. Ich bin sicherlich eine bessere Rednerin geworden. Aber keine gute Verliererin. Eine gute Verliererin gratuliert der Siegerin von Herzen weil sie ihre bessere Leistung anerkennen kann.

Es war nur meine eigene Sichtweise auf mein vermeintliches Versagen und meine Bewertung, die ich vorgenommen habe, die es so schmerzhaft machten. Mein Fokus war ausgerichtet auf das Negative: ich hatte verloren. Was ich nicht sehen konnte war das Positive: ich war zweitbeste Rednerin in unserem Gebiet, also von mehr als 100 Rednerinnen und Rednern.

Dennoch habe ich etwas  gewonnen

Wenn auch erst mit Verspätung. Die Einsicht, dass ich verletzt war und mein kleines Ego gekränkt war. Die Erkenntnis, dass ich in Wirklichkeit noch nicht so souverän und reif war wie ich es von mir glaubte.  Und die Souveränität, mit der ich heute diese Geschichte lachend erzählen kann.

Ein paar Jahre später habe ich wieder einen Wettbewerb „vergeigt“. Wieder auf Gebietsebene.  Diesmal ging es um Redebewertungen. Mittlerweile war ich DTM – Distinguished Toastmaster, die höchste Auszeichung, die man als Rednerin in der Ausbildung bei Toastmasters erreichen kann.

Völlig abgehetzt kam ich von einer anderen Veranstaltung, auf den allerletzten Drücker. Ich stand etwas unter Stress und habe viel zu lange geredet. So lange, dass ich disqualifiziert wurde. Meine Redebewertung war eindeutig die beste gewesen, aber eben zu lang. Aus die Maus.

Alle Anwesenden waren fassungslos. Alle außer mir. Ich habe es gelassen registriert und dem Gewinner gratuliert, da ich es ihm von Herzen gegönnt habe. Er hat fast Schnappatmung bekommen, da er sich überhaupt keine Chance ausgerechnet hatte, gegen mich zu gewinnen. Und nun durfte er zum großen Wettkampf auf der nächsthöheren Ebene fahren.

Und ich habe verblüfft festgestellt: meine Niederlage hat mir nichts mehr ausgemacht. Ich wurde zu Recht disqualifiziert. Und diese Feststellung hat mich gefreut. Hat sie mir doch gezeigt, wie sehr ich gewachsen war. Ausserdem hatte ich gelernt: Stress ist gar nicht gut, Abhetzen führt ins Aus.

Was ist deine größte Niederlage?

Was war das Gute daran?

Was hast du daraus gelernt – oder was könntest du daraus lernen, wenn du offen dafür wärst?