Zuhören ist eine Kunst

Wann hattest Du zum letzten Mal das Gefühl, dass Dir jemand RICHTIG zuhört? Wann hast Du zum letzten Mal Deinem Mann/Deiner Frau, Deinen Kindern oder Deinen Mitarbeiterinnen RICHTIG zugehört?

 

Zuhören ist eine Kunst, die nur wenige Menschen beherrschen.

“Hörst du mir überhaupt zu?“ „Hast du überhaupt gehört was ich gesagt habe?“ sind zwei häufig vorkommende Fragen in der zwischenmenschlichen  Kommunikation. Hören und Zuhören sind jedoch sehr unterschiedlich. Hören ist ein automatischer physiologischer Vorgang unseres Körpers, es sei denn eine angeborene Behinderung verhindert dies. Zuhören dagegen ist ein aktiver Prozess, um den wir uns bemühen, mal besser, mal schlechter. Wir mögen zwar hören, was der andere sagt, aber hören wir auch hin, empfangen wir seine Botschaft?

Zuhören ist ein wichtiger Teil meiner Coachingpraxis. Ich bin immer wieder verblüfft, wie Menschen aufblühen, wenn ich ihnen die richtigen Fragen stelle und ihnen dann aktiv, aufmerksam und geduldig zuhöre. Wenn sie einen Raum erhalten, in dem sie sich kreativ mit Gefühlen, Worten und Ideen entfalten dürfen.

Wenn Du nicht sicher bist, wie richtiges Zuhören, Hinhören funktioniert, dann halte Dich an das, was ich früher in Verkaufsschulungen gelernt habe: „Frage stellen und Klappe halten!“ Es gibt  einen Grund, warum wir zwei Ohren und einen Mund haben, aber manche Menschen verhalten sich so als sei es umgekehrt. 

Konzentriere Dich auf die Person, der Du zuhören willst, schalte Ablenkungen aus. Wenn der Fernseher läuft ist es schwierig, jemandem richtig zuzuhören. Wir haben die beiden Ohren NICHT erhalten, damit wir eins dem Fernseher zuwenden können und eins dem Gesprächspartner. Oder hatten Adam und Eva bereits Fernseher? 😉

Erinnerst Du Dich an Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann in Casablanca?  „Ich schau dir in die Augen, Kleines.“ Augenkontakt ist wichtig beim Zuhören. Er schafft eine intensive, direkte Verbindung und gibt dem Anderen das Gefühl, dass Du ganz für ihn da bist. Das kannst Du verstärken, indem Du Dich leicht vorbeugst, ab und zu sacht mit dem Kopf nickst und durch a-hah, mhmm, jaaa, verstehe usw. zu erkennen gibst, dass Dich immer noch aktiv dabei bist. Sei ganz dabei, auch mit dem Herzen.

Und denke an die rote Ampel! Im Straßenverkehr können wir erst dann selber fahren oder laufen, wenn unsere Ampel auf Grün schaltet. Dann stoppt der andere Verkehr, weil seine Ampel auf Rot springt.

Solange Dein Gegenüber spricht hast Du ROT. Höre hin, lasse ihn die Sätze beenden, auch wenn Dir das schwer fällt. Das ROT gilt auch für Deine Gedanken. Wenn Du bereits die Antwort formulierst oder überlegst, was Du alles noch erledigen musst, dann hast Du Deinen Fokus verloren und Du hast aufgehört zuzuhören.

Zuhören kann man lernen

Es kann am Anfang schwierig sein, dies alles durchzuhalten. Wie wäre es, wenn Du es aktiv einübst? Wenn Dich als Familie oder als Paar zusammensetzt um zu REDEN, dann hält derjenige, der spricht, einen Redestab, Redestein oder Redespielzeug in der Hand. Solange der Redner den Redestab in der Hand hat, müssen alle anderen schweigen und zuhören. Nur wer den Redestab in der Hand hat darf reden. Der Redestab wird weitergereicht an den nächsten, der reden möchte. Der gibt das durch ein verabredetes Signal zu erkennen. Der Redner entscheidet, wann der Redestab weiter gereicht wird.

Ein weiteres Hilfsmittel ist paraphrasieren. Das bedeutet, das Gehörte noch mal mit eigenen Worten zusammenzufassen um sicher zu sein, dass Du auch genau das gehört hast, was der Andere gemeint hat. Beispiel: A: „Ich habe gestern auf dem Stoffmarkt endlich einen richtig guten Hemdenmacher gefunden“. B: „Oh, Du meinst, endlich ein Schneider, der richtig gute Passform zu vernünftigem Preis anbietet?“ A: „Nein, ich meine einen Stand, der richtige, echte Baumwollstoffe anbietet, nicht nur diese Plastikmischungen“. (Sorry, dies ist noch ein Beispiel aus meiner Zeit in Shanghai, ich finde es so herrlich, dass ich es nicht ersetzen wollte, da es so typisch ist)

Hör hin, was gesagt wird, was nicht gesagt wird, wie es gesagt wird, welche Schuldzuweisungen ausgesprochen werden. Fühle Dich in die andere Person hinein, beobachte die Körpersprache. Was siehst Du, was hörst Du, was fühlst Du? Für Aktives Zuhören benötigst Du Deine Augen, Deine Ohren und Dein Herz.

 

Zuhören hilft bei Problemlösungen

Als ich noch in Shanghai lebte habe ich ehrenamtlich bei Lifeline Shanghai mitgearbeitet. Als geschulte freiwillige Helferinnen  waren wir da für Menschen, die jemanden brauchten, der Ihnen anonym, kostenlos und vertraulich zuhört.  Das konnte sehr hilfreich sein, wenn man mal wieder einen „Shang-low“[1] Tag hatte. Häufig reichte das schon, damit es den Menschen wieder besser ging und sie das Leben dort wieder genießen konnten. Wenn sie den Hörer auflegten, dann hatten sie mit unserer Hilfe den nächsten Lösungsschritt selbst entdeckt.

In Deutschland gibt es die Telefonseelsorge. Die bundesweit einheitliche kostenlose Telefonnummer lautet: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Wenn Du niemanden hast, der Dir zuhört, dann kannst Du dort anrufen. Dafür musst Du nicht erst in der Krise sein. Ein anonymes Ohr und mitfühlendes Herz sind für jeden Menschen hilfreich. Du  kannst dort auch eine Chatberatung und eine Mailberatung bekommen.

Wenn jemand zu Dir kommt, um von Problemen zu berichten, dann hör einfach zu, aktiv, mit dem Herzen. Indem Du aktiv zuhörst schaffst Du einen Raum für ihn, in dem er sich ausleeren kann, einen Raum der Heilung von seinen Nöten und Problemen. In diesem Raum findet er dann häufig seine eigene Lösung. Sei einfach nur da für ihn.

Berichte mir gern von Deinen Erfahrungen mit dem aktiven Zuhören: wie hat es geklappt? 

 

[1] Wortspiel, das nur im Englischen funktioniert: low = niedrig, Gegenteil von high (gesprochen hai) = hoch. Also ein schlechter Tag in Shanghai, ein Tag, an dem man alles hasst, nicht dortsein möchte, alles schief geht…